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Die beste Übung gibt es nicht: Was die Evidenz zu Bewegung bei muskuloskelettalen Schmerzen sagt
Kurzfassung
Nach der aktuellen Studienlage gibt es keine Übung, die anderen bei Rückenschmerzen klar überlegen wäre. Bewegung gehört dennoch zu den Grundpfeilern der Behandlung und beugt Kreuzschmerz nachweislich vor. Für die Sorge, Laufen oder Befunde in der Bildgebung bedeuteten Verschleiß, finden sich in den ausgewerteten Arbeiten keine Belege. Wichtig sind Belastbarkeit, Dosierung und die Frage, was für die einzelne Person im Alltag zählt. Die Evidenzqualität ist an vielen Stellen niedrig, und dieser Beitrag benennt, wo Aussagen gestützt sind und wo nicht.
Ausgangslage
In der Praxis stellen Patientinnen und Patienten zwei Fragen immer wieder: Welche Übung ist die beste gegen meine Schmerzen? Und gibt es Übungen, die meinem Rücken, Nacken oder meinen Knien schaden? Medien und Anbieter von Trainingsgeräten verstärken beide Fragen, die eine durch Versprechen, die andere durch Warnungen.
Leitlinien stützen die Rolle von Bewegung in der Behandlung. Die Leitlinie des American College of Physicians empfiehlt bei chronischem Kreuzschmerz zunächst nicht medikamentöse Verfahren, darunter Bewegungstherapie (starke Empfehlung, moderate Evidenz) [1]. Bei akutem und subakutem Kreuzschmerz nennt sie zunächst Wärme, Massage, Akupunktur oder Manipulation, weil sich die meisten Beschwerden unabhängig von der Behandlung bessern [1].
Diese Leitlinie bezieht sich ausschließlich auf den Kreuzschmerz. Für Nacken und Knie gelten die folgenden Aussagen nur, soweit die jeweilige Quelle sie trägt.
Bewegung als Grundlage der Behandlung
Eine Übersichtsarbeit wertet die Evidenz für Bewegungstherapie bei 26 chronischen Erkrankungen aus, darunter Bluthochdruck, Typ 2 Diabetes, Depression, Krebs und Rückenschmerz [2]. Die WHO Leitlinie von 2020 empfiehlt Erwachsenen 150 bis 300 Minuten moderate Aktivität pro Woche plus regelmäßiges Krafttraining und enthält erstmals Empfehlungen für Menschen mit chronischen Erkrankungen [3].
Bei chronischen Schmerzen fasst ein Cochrane Overview zusammen: Bewegung kann Schmerz und Funktion verbessern, die Effekte sind klein bis moderat, die Evidenzqualität ist niedrig. Nebenwirkungen sind selten und meist auf Muskelkater beschränkt [4].
Auch zur Vorbeugung liegen Daten vor. Eine Metaanalyse mit 21 Studien und 30 850 Teilnehmenden zeigt, dass Bewegung plus Schulung das Risiko für eine Kreuzschmerzepisode senkt (RR 0,55; 95 % KI 0,41 bis 0,74; moderate Evidenz). Bewegung allein tat dies ebenfalls (RR 0,65; 95 % KI 0,50 bis 0,86; niedrige bis sehr niedrige Evidenz). Schulung allein, Rückengurte und Schuheinlagen schützten nicht [5]. Unter den untersuchten Maßnahmen ist Bewegung damit die einzige, für die ein vorbeugender Effekt beim Kreuzschmerz belegt ist. Für Nacken und andere Regionen wurde hier keine Quelle ausgewertet.
Gibt es die beste Übung?
Für den chronischen Kreuzschmerz ist die Antwort differenziert. Ein Cochrane Review mit 249 Studien fand moderate Evidenz, dass Bewegung gegenüber keiner Behandlung, Standardversorgung oder Placebo wirkt (Schmerz: mittlere Differenz minus 15,2 auf einer Skala von 0 bis 100). Gegenüber anderen konservativen Maßnahmen waren die Unterschiede klein und nicht klinisch bedeutsam, gegenüber manueller Therapie zeigte sich kein Unterschied [6].
Eine Netzwerkmetaanalyse mit 89 Studien sah dagegen Rangunterschiede zwischen Übungsformen. Die jeweils höchste Wahrscheinlichkeit, am besten abzuschneiden, hatten Pilates (Schmerz), Krafttraining sowie Stabilisation und motorische Kontrolle (Funktion) und Kraft- sowie Ausdauertraining (psychische Gesundheit). Dehnen und McKenzie Übungen unterschieden sich nicht von der Kontrolle. Die Autoren stufen die Evidenz als niedrig ein [7].
Die Aussage, kein Übungskonzept sei klar überlegen, ist daher nur eingeschränkt belegt: Es gibt Hinweise auf Unterschiede, allerdings bei niedriger Evidenzqualität. Aus klinischer Sicht spricht das dafür, die Wahl der Form nicht zu überbewerten. Diese Schlussfolgerung ist eine Einordnung und geht über die Aussagen der Studien hinaus.
Zur Therapietreue fand ein Cochrane Review mit 42 Studien, dass die Übungsart für die Adhärenz offenbar keine wichtige Rolle spielt. Betreute oder individualisierte Übungen und Selbstmanagement können sie verbessern [8]. Ob persönliche Vorlieben ausschlaggebend sind, wurde dort nicht direkt untersucht. Es ist eine klinische Annahme, sie bei der Auswahl zu berücksichtigen.
Individuelle Reaktion auf Bewegung
In der Behandlung wird häufig geprüft, welche Bewegungsrichtung die Beschwerden günstig beeinflusst. Dieses Prinzip der Richtungspräferenz stammt aus dem McKenzie Ansatz (Mechanische Diagnose und Therapie, MDT). Dazu liegen zwei Reviews vor.
Die Metaanalyse mit 11 Studien fand bei akutem Kreuzschmerz keinen Unterschied zu anderen Verfahren. Bei chronischem Kreuzschmerz zeigten sich Vorteile gegenüber Bewegung allein, wobei das Ergebnis vom Vergleich abhing [9]. Der zweite Review fand größere Effekte in Studien, die die Kernprinzipien des Ansatzes einhielten, und nennt das selbst vorläufige Evidenz [10].
Es ist deshalb vertretbar, zu Beginn eine Bewegungsform zu wählen, auf die Schmerzen und Symptome günstig reagieren, und das gemeinsam mit der behandelnden Therapeutin oder dem Therapeuten zu prüfen. Konkrete Beispiele, etwa Radfahren im Vergleich zu Walken oder Joggen, sind in diesen Arbeiten nicht belegt.
Gibt es schädliche Bewegung?
Beim Laufen ist die Lage gemischt. Ein systematischer Review mit 25 Studien, davon 17 in der Metaanalyse, fand Arthrose an Hüfte oder Knie bei 3,5 % der Freizeitläufer, 10,2 % der Kontrollen und 13,3 % der Wettkampfläufer. Ob das ursächlich ist, blieb offen [11]. Ein weiterer Review (15 Studien) konnte die Rolle des Laufens bei Kniearthrose nicht bestimmen, die Evidenz war moderat bis niedrig [12]. Neun Fall Kontroll Studien, meist mit hohem Verzerrungsrisiko, zeigten keinen Unterschied in der Prävalenz von Kniearthrose zwischen Läufern und Kontrollen (OR 0,97; 95 % KI 0,56 bis 1,68) [13]. In MRT Untersuchungen (43 Studien) waren Knorpelveränderungen nach dem Laufen vorübergehend, und moderate Evidenz spricht dafür, dass Laufen keine neuen Knorpelläsionen verursacht [14].
Für den Rücken zeigt ein systematischer Review, dass degenerative Befunde in der Bildgebung bei Beschwerdefreien häufig sind: Bandscheibendegeneration findet sich bei 37 % der 20 Jährigen und bei 96 % der 80 Jährigen. Die Autoren halten viele dieser Befunde für einen Teil des normalen Alterns [15]. Das stützt die Einordnung, dass ein Befund nicht automatisch Verschleiß als Schmerzursache bedeutet. Ob einzelne Sportarten wie Joggen oder Brustschwimmen dem Rücken schaden, wurde hier nicht geprüft.
Dosis, Angst und Edukation
Zur Dosis beschreibt ein Review aus dem Leistungssport, dass nicht das Training selbst, sondern zu schnelle und zu starke Steigerungen der Belastung mit Verletzungen zusammenhängen [16]. Die Übertragung auf Menschen mit Schmerzen ist eine Annahme und nicht belegt. Klinisch plausibel ist, dass Übungen dann Probleme machen, wenn sie gemessen an der aktuellen Belastbarkeit zu früh, zu lang, zu häufig, zu intensiv oder mit zu wenig Pause erfolgen.
Auch Gedanken und Ängste spielen eine Rolle. Ein systematischer Review mit 21 Studien untersuchte angstvermeidende Überzeugungen bei unspezifischem Kreuzschmerz. Bei subakutem Kreuzschmerz (vier Wochen bis drei Monate) sagen sie schlechtere Ergebnisse voraus, vor allem bei arbeitsbezogenen Zielgrößen. Bei sehr akutem und bei chronischem Verlauf waren sie meist nicht prognostisch [17].
Ein Review von 13 randomisierten Studien zur Schmerzedukation bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen berichtet weniger Schmerz, bessere Funktion, geringere Behinderung und weniger psychosoziale Belastung [18]. Zu Effektgröße und Studienqualität im Einzelnen wurde hier nichts ausgewertet.
Praktische Konsequenzen und Fazit
Aus der Studienlage und der klinischen Erfahrung lassen sich fünf Hinweise für die Beratung ableiten. Die Punkte 1, 3 und 4 sind durch die zitierten Arbeiten teilweise gestützt, die Punkte 2 und 5 sind klinische Einordnungen ohne direkten Beleg in diesen Quellen.
- Bewegung ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Die Wahl der Form richtet sich nach Befund, Zielen und Vorlieben. Unterschiede zwischen Übungsformen sind bei niedriger Evidenzqualität klein bis unklar [6] [7].
- Alltagsrelevante Bewegungen können gezielt trainiert werden, etwa Bücken im Garten oder Treppensteigen. Dazu ist kein spezielles Gerät nötig.
- Eine grundsätzlich schlechte Übung lässt sich aus den ausgewerteten Studien zu Laufen und Bildgebung nicht ableiten. Dosis und Steigerung der Belastung bleiben relevant [11] [14] [15] [16].
- Aufklärung und der Abbau von Angst vor Bewegung gehören zur Behandlung [17] [18].
- Neugieriges Variieren von Tempo, Muskelspannung, Atmung oder Gelenkstellung kann Patientinnen und Patienten helfen, Bewegung als weniger bedrohlich zu erleben. Für diese konkreten Anregungen liegt in den hier ausgewerteten Arbeiten kein Beleg vor.
Die Kernaussage lautet: Eine beste Übung für alle gibt es nach der verfügbaren Evidenz nicht. Sinnvoll ist Bewegung, die zur Person passt, angemessen dosiert wird und mit Vertrauen ausgeführt werden kann. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung durch eine Therapeutin oder einen Therapeuten.
Literatur
Alle Quellen wurden über PubMed abgerufen. Titel stehen unverändert wie im PubMed Eintrag.
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