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Rückenschmerzen und Bewegung: 10 Fakten, die alle Patientinnen und Patienten kennen sollten
Kurz gesagt
Bei Rückenschmerzen ohne spezifische Ursache rät die Nationale Versorgungsleitlinie, in Bewegung zu bleiben. Schonung und die Angst vor Belastung gelten dagegen als Risiko dafür, dass Schmerzen bleiben (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017). Zehn Fakten dazu, jeweils mit dem, was Studien zeigen.
Aktiv bleiben statt schonen
1. Bewegung ist hilfreich
Bleib so aktiv wie möglich und kehre Schritt für Schritt zu deinen gewohnten Tätigkeiten zurück. Beginne mit leichten Bewegungen und steigere sie, sobald du dich dazu in der Lage fühlst. So empfiehlt es auch die Leitlinie (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017).
2. Längere Schonung ist nicht sinnvoll
Von Bettruhe rät die Leitlinie klar ab (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017). Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration hat verglichen, was passiert, wenn man Menschen mit akuten Rückenschmerzen zur Aktivität rät oder zur Bettruhe. Wer den Rat bekam, aktiv zu bleiben, hatte danach etwas weniger Schmerzen und kam im Alltag etwas besser zurecht (vgl. Dahm et al., 2010).
Groß war der Unterschied nicht, und er beruht auf zwei Studien mit 401 Teilnehmenden. Bei Schmerzen, die ins Bein ausstrahlen, war es nahezu gleich, welchen Rat jemand bekam.
3. Vertrauen in den eigenen Rücken ist wichtig
Versuche, dich locker und ohne Sorge zu bewegen. Wer überzeugt ist, dass Bewegung dem Rücken schadet, hat laut Leitlinie ein höheres Risiko, dass die Schmerzen bleiben (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017). In einer Übersichtsarbeit kehrten Menschen mit solchen Überzeugungen seltener an den Arbeitsplatz zurück, vor allem wenn die Schmerzen schon einige Wochen bestanden (vgl. Wertli et al., 2014).
Fällt dir das schwer, sprich mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten darüber.
Schmerz ist kein Maß für Schaden
4. Schmerz beim oder nach dem Training bedeutet nicht, dass du dir schadest
Wenn Rückenschmerzen länger anhalten, reagieren Wirbelsäule und Muskulatur oft empfindlicher auf Berührung und Bewegung. Schmerz bei Aktivität zeigt dann an, wie empfindlich dein Rücken ist, nicht wie stark er geschädigt ist (vgl. O'Sullivan et al., 2020).
Dazu passt eine Metaanalyse von sieben Studien zu anhaltenden Schmerzen am Bewegungsapparat. Wer beim Üben Schmerz zulassen durfte, hatte kurzfristig etwas weniger Schmerzen als Teilnehmende, die schmerzfrei üben sollten. Auf mittlere und lange Sicht gab es keinen Unterschied (vgl. Smith et al., 2017).
Eine Faustregel aus der Praxis, die nicht aus diesen Studien stammt: Die Beschwerden sollten erträglich bleiben und sich innerhalb von 24 Stunden wieder beruhigen.
5. Joggen und Brustschwimmen sind nicht schlecht für den Rücken
Die Sorge, Joggen verschleiße die Gelenke, bestätigen Studien für das Laufen in der Freizeit nicht. In einer Metaanalyse hatten Menschen, die in ihrer Freizeit laufen, seltener Arthrose an Hüfte oder Knie als Menschen, die nicht laufen (vgl. Alentorn-Geli et al., 2017). Nur wer auf Wettkampfniveau lief, hatte etwas häufiger Arthrose.
Auch die Bandscheiben scheinen vom Laufen eher zu profitieren. In einer Querschnittstudie mit 79 gesunden Erwachsenen hatten Läuferinnen und Läufer Bandscheiben mit günstigerer Zusammensetzung als Menschen ohne Sport (vgl. Belavý et al., 2017). Beide Arbeiten zeigen Zusammenhänge. Ob das Laufen die Ursache ist, lässt sich daraus nicht ablesen.
Zum Schwimmen fand eine Übersicht über 44 Studien kein klares Muster, weder Schutz noch Schaden für den Rücken (vgl. Wareham et al., 2024). Dass Schwimmen dem Rücken schadet, ist also nicht belegt.
Eine grundsätzlich schlechte Übung lässt sich aus diesen Studien nicht ableiten.
Das passende Training finden
6. Es gibt nicht die eine beste Bewegung
Die meisten untersuchten Trainingsformen helfen bei anhaltenden Rückenschmerzen besser als eine minimale Behandlung (vgl. Hayden et al., 2021). Einzelne Formen wie Pilates schnitten im Durchschnitt etwas besser ab. Trotzdem raten die Autorinnen und Autoren zu der Bewegung, die Betroffenen Freude macht, weil sie dann eher dabeibleiben.
Achte gerade in akuten Schmerzphasen darauf, wie du selbst auf eine Bewegungsform reagierst.
7. Die beste Übung ist die, die du auch machst
Ein Übungsprogramm sollte dir Spaß machen, in deinen Alltag passen und sich leicht umsetzen lassen. Ob du auf Dauer dabeibleibst, hängt vermutlich auch von deinen Vorlieben ab. Auch die Leitlinie empfiehlt für die Vorbeugung, die Bewegungsform nach persönlichen Vorlieben und Voraussetzungen zu wählen (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017).
8. Regelmäßiges Training ist ein Muss
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen pro Woche 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive Ausdaueraktivität. Hinzu kommt Krafttraining an mindestens zwei Tagen pro Woche (vgl. Bull et al., 2020).
Auch wer darunter bleibt, tut etwas für seine Gesundheit, denn jede Bewegung ist besser als keine. Mehr Bewegung bringt mehr Nutzen, bei sehr hohen Umfängen wird der zusätzliche Gewinn allerdings kleiner (vgl. Bull et al., 2020).
Bewegung als langfristiger Schutz
9. Training kann neuen Rückenschmerzen vorbeugen
In einer Metaanalyse randomisierter Studien senkte Training zusammen mit Aufklärung das Risiko einer neuen Schmerzepisode um etwa 45 Prozent (vgl. Steffens et al., 2016). Die Autorinnen und Autoren stufen die Sicherheit dieses Ergebnisses als mittel ein. Rückengurte und Schuheinlagen schützten in derselben Arbeit nicht, hier sind die Belege allerdings schwach.
Bau Bewegung und Training deshalb dauerhaft in deinen Alltag ein. Aus einer Behandlung kann so ein aktiverer Lebensstil werden.
10. Kein Medikament bietet so vielfältige Vorteile wie Bewegung
Schmerzmittel wirken bei Rückenschmerzen laut Leitlinie insgesamt nur mäßig und bringen vor allem bei längerer Einnahme Risiken mit sich (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017). Regelmäßige Bewegung wirkt über den Rücken hinaus günstig auf Herz, Kreislauf, Stoffwechsel, Schlaf und Stimmung (vgl. Bull et al., 2020).
Deine Ziele geben die Richtung vor
Richte deine Übungen an dem aus, was du wieder können möchtest. Wer im Garten arbeiten will, braucht ein anderes Training als jemand, der wieder zehn Kilometer laufen möchte. Besprich deine Ziele deshalb zu Beginn der Therapie und prüft gemeinsam, ob die Übungen dich dorthin bringen.
Die Leitlinie nennt es als Ziel, Betroffene auch trotz Schmerzen zu einem aktiven Alltag zu befähigen. Funktionelle Ziele sollen Patient und Therapeut gemeinsam festlegen (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017).
Dafür spricht bisher eine kleine randomisierte Studie mit 75 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen. Eine Gruppe legte ihre Ziele selbst fest und erhielt dazu Aufklärung, die andere bekam ein standardisiertes Übungsprogramm. Nach zwölf Monaten hatte die erste Gruppe weniger Schmerzen und Einschränkungen (vgl. Gardner et al., 2019).
Für die Rehabilitation insgesamt ist die Lage unsicherer. Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration fand Hinweise, dass Menschen mit Zielen ihre Lebensqualität besser einschätzen und sich mehr zutrauen. Wie verlässlich das ist, bewertet sie selbst als sehr unsicher (vgl. Levack et al., 2015).
Wann du ärztlichen Rat einholen solltest
Diese zehn Fakten gelten für Rückenschmerzen ohne Hinweis auf eine spezifische Ursache. Lass deine Beschwerden bald ärztlich abklären, wenn eines der folgenden Warnzeichen auftritt (vgl. Bundesärztekammer et al., 2017):
Quellen
Die Studien stammen aus einer Recherche in PubMed.
- Alentorn-Geli et al. (2017), Journal of Orthopaedic and Sports Physical Therapy. doi.org/10.2519/jospt.2017.7137
- Belavý et al. (2017), Scientific Reports. doi.org/10.1038/srep45975
- Bull et al. (2020), British Journal of Sports Medicine. doi.org/10.1136/bjsports-2020-102955
- Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und AWMF (2017), Nationale Versorgungsleitlinie zum nicht spezifischen Kreuzschmerz, 2. Auflage, Kurzfassung und Langfassung. Die Gültigkeit ist seit 2022 abgelaufen, die Leitlinie wird derzeit überarbeitet.
- Dahm et al. (2010), Cochrane Database of Systematic Reviews. doi.org/10.1002/14651858.CD007612.pub2
- Gardner et al. (2019), British Journal of Sports Medicine. doi.org/10.1136/bjsports-2018-100080
- Hayden et al. (2021), Journal of Physiotherapy. doi.org/10.1016/j.jphys.2021.09.004
- Levack et al. (2015), Cochrane Database of Systematic Reviews. doi.org/10.1002/14651858.CD009727.pub2
- O'Sullivan et al. (2020), British Journal of Sports Medicine, Editorial. doi.org/10.1136/bjsports-2019-101611
- Smith et al. (2017), British Journal of Sports Medicine. doi.org/10.1136/bjsports-2016-097383
- Steffens et al. (2016), JAMA Internal Medicine. doi.org/10.1001/jamainternmed.2015.7431
- Wareham et al. (2024), Musculoskeletal Science and Practice. doi.org/10.1016/j.msksp.2024.102926
- Wertli et al. (2014), The Spine Journal. doi.org/10.1016/j.spinee.2013.09.036
Dein Rücken, dein Plan
Welche Bewegung zu deinem Rücken und deinen Zielen passt, klären wir gemeinsam bei AG Therapie in Mülheim-Kärlich bei Koblenz. Zur 24-Stunden-Regel gibt es das Merkblatt Schmerzampel und 24-Stunden-Regel, die Studienlage im Detail steht im Beitrag Die beste Übung gibt es nicht.