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Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD): Was hinter Kieferschmerzen steckt und was hilft

Jan Farber, Physiotherapeut B.Sc.
, 8 Minuten Lesezeit

Kurz gesagt

CMD ist ein Sammelbegriff für Schmerzen und Funktionsstörungen der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke. Sie ist häufig und meist gutartig: Bei vielen Betroffenen bessern sich die Beschwerden von selbst oder mit einfachen Maßnahmen ohne Eingriff (vgl. Gauer & Semidey, 2015). Für anhaltende Beschwerden sprechen die Studien am ehesten für Selbstmanagement, kognitive Verhaltenstherapie und die Behandlung der Kaumuskulatur (vgl. Randhawa et al., 2016).

Was ist CMD?

CMD steht für craniomandibuläre Dysfunktion, also eine Funktionsstörung zwischen Schädel (Cranium) und Unterkiefer (Mandibula). Gemeint sind Schmerzen und Funktionsstörungen der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke (vgl. List & Jensen, 2017). In der Fachliteratur heißt sie meist TMD, temporomandibular disorders.

Im Kiefergelenk sitzt der Gelenkkopf des Unterkiefers (Caput mandibulae) in einer Gelenkpfanne des Schläfenbeins (Fossa mandibularis). Bewegt wird das Gelenk vor allem von der Kaumuskulatur (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

CMD ist die häufigste Schmerzerkrankung im Mund- und Gesichtsbereich (vgl. List & Jensen, 2017). Unter den Gesichtsschmerzen, die nicht von den Zähnen ausgehen, steht sie an erster Stelle (vgl. Zakrzewska, 2013).

Wie häufig ist CMD?

Eine Metaanalyse von 27 Studien mit 20.971 Teilnehmenden schätzt, dass weltweit 29,5 Prozent der Menschen betroffen sind. Frauen waren häufiger betroffen als Männer, 36,7 gegenüber 26,7 Prozent (vgl. Alqutaibi et al., 2025). Eine weitere Metaanalyse fand Störungen des Kiefergelenks bei rund 31 Prozent der Erwachsenen und 11 Prozent der Kinder und Jugendlichen (vgl. Valesan et al., 2021).

Ältere Bevölkerungsstudien kommen auf 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen, von denen nur etwa 5 Prozent eine Behandlung suchen. Am häufigsten beginnt CMD zwischen 20 und 40 Jahren (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Die Spanne zeigt vor allem, wie stark solche Zahlen davon abhängen, wer untersucht wurde und was gezählt wird. Nicht jeder Befund macht Beschwerden, und nicht jede Beschwerde braucht eine Behandlung.

Typische Beschwerden

In der Metaanalyse von Alqutaibi und Kollegen waren dies die häufigsten Zeichen einer CMD (vgl. Alqutaibi et al., 2025):

  • Schmerzen der Kaumuskulatur (Myalgie): 37,2 Prozent
  • Knacken oder andere Gelenkgeräusche: 29,8 Prozent
  • Schmerzen im Kiefergelenk (Arthralgie): 16,8 Prozent
  • eingeschränkte Mundöffnung oder Blockieren: 8,1 Prozent

Der Schmerz sitzt typischerweise vor dem Ohr, im großen Kaumuskel an der Wange oder an der Schläfe und verändert sich, wenn du den Kiefer bewegst (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Wer wegen CMD Hilfe sucht, berichtet oft mehr als nur Kieferbeschwerden. In einer Praxis, die über 25 Jahre 4528 Patientinnen und Patienten mit CMD untersucht hat, gaben 96 Prozent Schmerzen an, 82 Prozent Beschwerden am Ohr, 79 Prozent Kopfschmerzen und 75 Prozent Beschwerden am Kiefergelenk (vgl. Cooper & Kleinberg, 2007). Ohrgeräusche (Tinnitus) kommen bei Menschen mit CMD häufiger vor als bei Menschen ohne (vgl. Manfredini, 2019), ebenso eine schlechtere Schlafqualität (vgl. Al-Jewair et al., 2021).

Ein Knacken im Kiefergelenk allein ist dagegen kein Grund zur Sorge. Es kommt bei bis zu der Hälfte aller Menschen ohne Beschwerden vor (vgl. Gauer & Semidey, 2015). Behandlung suchen Betroffene vor allem dann, wenn Schmerzen länger anhalten (vgl. List & Jensen, 2017).

Wie entsteht CMD?

Eine einzelne Ursache gibt es meist nicht. Biologische Faktoren spielen ebenso eine Rolle wie Umfeld, soziale Situation, Gefühle und Gedanken (vgl. Gauer & Semidey, 2015). Diskutiert werden unter anderem eine Überlastung beim Kauen, Pressen und Knirschen mit den Zähnen (Bruxismus) sowie erhöhte Östrogenspiegel (vgl. Chisnoiu et al., 2015). Halten Schmerzen länger an, scheinen Veränderungen im Nervensystem wichtiger zu werden: Es reagiert dann empfindlicher auf Reize. Auch eine erbliche Veranlagung spielt eine Rolle (vgl. List & Jensen, 2017).

CMD tritt häufig zusammen mit anderen Erkrankungen auf, etwa chronischen Kopfschmerzen, Fibromyalgie, Autoimmunerkrankungen, Schlafapnoe oder psychischen Erkrankungen (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Stress, Angst und gedrückte Stimmung hängen eng mit CMD zusammen. Eine Metaanalyse von 21 Studien fand Verbindungen zu Angst, Depression, Stress und Somatisierung, also körperlichen Beschwerden bei seelischer Belastung. Stress ging dabei mit häufigeren und stärkeren Beschwerden einher (vgl. Saini et al., 2025). In einer Bevölkerungsstudie aus Vorpommern mit 3006 Teilnehmenden ohne Kiefergelenkschmerz zu Beginn entwickelten Menschen mit depressiven Symptomen in den folgenden fünf Jahren etwa doppelt so häufig Schmerzen am Kiefergelenk. Angstsymptome hingen mit Gelenk- und Muskelschmerzen zusammen (vgl. Kindler et al., 2012). Bei Menschen mit Beschwerden der Kaumuskulatur waren Stress und gedrückte Stimmung besonders eng mit Schmerzstärke und Einschränkung verbunden (vgl. Wieckiewicz et al., 2022).

Das heißt nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Es zeigt, dass Körper und Psyche bei CMD zusammenwirken, und genau dort setzen einige der wirksamsten Behandlungen an.

Auch das Rauchen scheint eine Rolle zu spielen: In einer Studie mit 299 Frauen hatten Raucherinnen unter 30 Jahren deutlich häufiger CMD als Nichtraucherinnen, bei älteren Frauen zeigte sich das nicht (vgl. Sanders et al., 2012).

Welche Formen gibt es?

Grob unterscheidet man Beschwerden, die von der Muskulatur ausgehen, und Beschwerden im Gelenk selbst (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Zu den schmerzbezogenen Formen gehören Schmerzen der Kaumuskulatur (Myalgie), Schmerzen im Kiefergelenk (Arthralgie) und Kopfschmerzen, die von der CMD ausgehen. Zu den Gelenkstörungen zählen Verlagerungen der Gelenkscheibe (Diskus) und Verschleiß des Gelenks (vgl. List & Jensen, 2017).

Am häufigsten ist eine Verlagerung der Gelenkscheibe, die beim Öffnen wieder in ihre Position zurückspringt (vgl. Valesan et al., 2021). Das ist oft als Knacken hörbar. Springt sie nicht zurück, kann die Mundöffnung eingeschränkt sein.

Wie wird CMD festgestellt?

Meist genügen ein ausführliches Gespräch und eine körperliche Untersuchung von Kiefer, Kaumuskulatur und Mundöffnung. Bildgebung ist nur bei bestimmten Fragen sinnvoll, etwa wenn eine Veränderung im Gelenk oder eine Fehlstellung der Zähne vermutet wird (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Wichtig zu wissen: Auch eine Magnetresonanztomographie (MRT) findet bei Menschen ohne Beschwerden häufig Auffälligkeiten. In einer kleinen Studie mit 21 beschwerdefreien Freiwilligen lag die Gelenkscheibe in 32 Prozent der Gelenke nach vorn verlagert (vgl. Kircos et al., 1987). Ein Befund im Bild ist deshalb nicht automatisch die Ursache deiner Schmerzen.

Was hilft bei CMD?

Aufklärung und Selbstmanagement

Die gute Nachricht zuerst: Nur ein kleiner Teil der Betroffenen braucht überhaupt eine Behandlung, und bei rund 40 Prozent bessern sich die Beschwerden von selbst. Mit Behandlungen ohne Eingriff berichten langfristig 50 bis 90 Prozent über weniger Schmerzen (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Am Anfang steht deshalb die Aufklärung. Dazu kommen einfache Maßnahmen: den Kiefer schonen, ohne ihn ruhigzustellen, vorübergehend weichere Kost, Wärme und sanftes Dehnen. Hilfreich ist auch, Stress, Schlaf und Angewohnheiten wie Pressen oder Knirschen anzugehen und extreme Kieferbewegungen zu meiden. Den Kiefer komplett ruhigzustellen bringt dagegen nichts und kann die Beschwerden sogar verstärken (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Wie viel ein strukturiertes Programm zur Selbsthilfe bringen kann, zeigt eine randomisierte Studie: Wer ein solches Programm erhielt, hatte nach einem Jahr weniger Schmerzen, war im Alltag weniger eingeschränkt und brauchte weniger zusätzliche Termine als mit der üblichen Behandlung (vgl. Dworkin et al., 2002). Eine Übersichtsarbeit kommt zu einem ähnlichen Schluss (vgl. Randhawa et al., 2016).

Psychologische Ansätze

Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration mit 17 Studien fand, dass psychologische Behandlungen Schmerz und gedrückte Stimmung langfristig verringern, vor allem die kognitive Verhaltenstherapie allein oder zusammen mit Biofeedback. Die Autorinnen und Autoren stufen die Belege allerdings als schwach ein (vgl. Aggarwal et al., 2011). Eine weitere Übersichtsarbeit fand die kognitive Verhaltenstherapie ähnlich wirksam wie Selbstmanagement, aber besser bei Einschränkungen im Alltag und bei depressiven Symptomen. Für Biofeedback allein waren die Ergebnisse dort nicht eindeutig (vgl. Randhawa et al., 2016).

Physiotherapie

Eine Behandlung der Kaumuskulatur von innen, also durch den Mund (intraorale myofasziale Therapie), kann Schmerzen lindern und die Mundöffnung verbessern (vgl. Randhawa et al., 2016). Manuelle Therapie am Kiefer oder an der Halswirbelsäule, allein oder zusammen mit Übungen, zeigt vielversprechende Effekte (vgl. Armijo-Olivo et al., 2016).

Ehrlicherweise gehört dazu: Die Studien sind überwiegend klein und von begrenzter Qualität, die Unsicherheit ist entsprechend groß (vgl. Armijo-Olivo et al., 2016; McNeely et al., 2006). Physiotherapie ist eine sinnvolle Möglichkeit, vor allem zusammen mit Aufklärung und Selbstmanagement, aber kein Wundermittel.

Aufbissschienen

Zu Schienen sind die Ergebnisse widersprüchlich. Eine Metaanalyse von elf Studien fand mit mittlerer Sicherheit weniger Schmerzen im Kiefergelenk als ohne oder mit minimaler Behandlung (vgl. Ebrahim et al., 2012). Eine andere Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass Schienen Schmerzen und Beweglichkeit möglicherweise nicht verbessern (vgl. Randhawa et al., 2016). Ob eine Schiene für dich infrage kommt, klärt deine Zahnärztin oder dein Zahnarzt.

Medikamente und Eingriffe

Für Medikamente gegen CMD-Schmerzen reichen die Belege laut einer Cochrane-Übersicht nicht aus, um ihre Wirksamkeit zu bestätigen oder auszuschließen (vgl. Mujakperuo et al., 2010). Ob ein Medikament sinnvoll ist, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt.

Eine Operation ist nur selten nötig, meist bei Veränderungen am Gelenk selbst. Eine Überweisung in die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ist sinnvoll nach Verletzungen oder Brüchen, bei schweren Gelenkstörungen, die sich trotz Behandlung nicht bessern, oder bei Schmerzen ohne erkennbare Ursache über drei bis sechs Monate (vgl. Gauer & Semidey, 2015).

Wann du ärztlichen oder zahnärztlichen Rat einholen solltest

Nicht jeder Schmerz im Gesicht ist eine CMD. Lass deine Beschwerden ärztlich oder zahnärztlich abklären, wenn eines der folgenden Zeichen auftritt (vgl. Gauer & Semidey, 2015; Zakrzewska, 2013):

Quellen

Die Studien stammen aus einer Recherche in PubMed.

  1. Aggarwal et al. (2011), Cochrane Database of Systematic Reviews. doi.org/10.1002/14651858.CD008456.pub2
  2. Al-Jewair et al. (2021), Journal of Oral & Facial Pain and Headache. doi.org/10.11607/ofph.2780
  3. Alqutaibi et al. (2025), Journal of Oral & Facial Pain and Headache. doi.org/10.22514/jofph.2025.025
  4. Armijo-Olivo et al. (2016), Physical Therapy. doi.org/10.2522/ptj.20140548
  5. Chisnoiu et al. (2015), Clujul Medical. doi.org/10.15386/cjmed-485
  6. Cooper & Kleinberg (2007), Cranio. doi.org/10.1179/crn.2007.018
  7. Dworkin et al. (2002), Journal of Orofacial Pain, 16(1), 48-63. PubMed 11889659
  8. Ebrahim et al. (2012), Journal of the American Dental Association. doi.org/10.14219/jada.archive.2012.0289
  9. Gauer & Semidey (2015), American Family Physician, 91(6), 378-386. aafp.org, PubMed 25822556
  10. Kindler et al. (2012), The Journal of Pain. doi.org/10.1016/j.jpain.2012.09.004
  11. Kircos et al. (1987), Journal of Oral and Maxillofacial Surgery. doi.org/10.1016/0278-2391(87)90235-7
  12. List & Jensen (2017), Cephalalgia. doi.org/10.1177/0333102416686302
  13. Manfredini (2019), Evidence-Based Dentistry. doi.org/10.1038/s41432-019-0012-y
  14. McNeely et al. (2006), Physical Therapy, 86(5), 710-725. PubMed 16649894
  15. Mujakperuo et al. (2010), Cochrane Database of Systematic Reviews. doi.org/10.1002/14651858.CD004715.pub2
  16. Randhawa et al. (2016), The Clinical Journal of Pain. doi.org/10.1097/AJP.0000000000000247
  17. Saini et al. (2025), Head & Face Medicine. doi.org/10.1186/s13005-025-00522-9
  18. Sanders et al. (2012), The Journal of Pain. doi.org/10.1016/j.jpain.2011.08.003
  19. Valesan et al. (2021), Clinical Oral Investigations. doi.org/10.1007/s00784-020-03710-w
  20. Wieckiewicz et al. (2022), Frontiers in Integrative Neuroscience. doi.org/10.3389/fnint.2022.1026781
  21. Zakrzewska (2013), British Journal of Anaesthesia. doi.org/10.1093/bja/aet125

Kieferschmerzen gemeinsam angehen

Ob deine Beschwerden von der Kaumuskulatur, vom Gelenk oder vom Nacken mitbestimmt werden, schauen wir uns gemeinsam bei AG Therapie in Mülheim-Kärlich bei Koblenz an. Warum sich Muskeln verspannt anfühlen können, steht im Beitrag Verspannungen aus wissenschaftlicher Sicht.